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Ein Camp, fünf Länder
25. Aug 2009Spendenkampagne für die Jugendstiftung
Mözen - Die Party am ersten Abend fiel aus. Viel zu müde waren die meisten nach ihren langen Anreisen. Zehn Tage lang beschäftigen sich die Jugendlichen mit Medien. Das Ostsee-Jugendmediencamp ist Auftakt der Spendenkampagne für die Ostsee- Jugendstiftung, die auch Jugendlichen ohne Förderung Begegnungen im Ausland ermöglichen will.
Von Thomas Christiansen
Jugendliche aus dem Baltikum, Polen und Russland, aber auch aus Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern, können es sich oft nicht leisten, Gleichaltrige in anderen Ländern rund um die Ostsee zu besuchen, sagt John Goss vom Ostsee-Jugendbüro des Landesjugendrings Schleswig-Holstein. Mit dem Landesjugendring Mecklenburg-Vorpommern wurde eine Spendenkampagne zur Förderung der Ostsee-Jugendstiftung gestartet. „Die Stiftung will keine anderen Fördermittel ersetzen, sondern dort helfen, wo die Fördermittel nicht ausreichen“, erklärt Goss. Die Stiftung wolle gezielt jenen helfen, die ohne oder trotz Förderung keine Chance haben, an Jugendbegegnungen teilzunehmen.
Rund 20 Stunden waren Marina, Irina, Ilya und Julia vom Kaliningrader Gebiet aus in einem Kleinbus, in dem sie auch ein paar Stunden geschlafen haben, bis zum Haus Rothfos, der Jugendbildungsstätte des Landesjugendrings in Mözen bei Bad Segeberg, unterwegs. Andere Teilnehmer waren sogar bis zu 30 Stunden unterwegs. Die kürzeste Anreise hatte Nele Stuhr-Wulff (18) aus Brodersdorf - etwa eine Stunde mit dem Bus nach Kiel, von dort zusammen mit einem Vertreter des Offenen Kanals Kiel in weniger als einer Stunde im Auto nach Mözen.
Bis zum 28. August werden sich die 25 Jugendlichen aus Estland, Lettland, Kaliningrad, Polen und Deutschland Video, Audio und Multimedia widmen. Das Material wird auf Exkursionen gesammelt und später zu Sendungen im Offenen Kanal verarbeitet. Montag erhält das Camp Besuch von dem in der Ostsee-Parlamentarierkonferenz engagierten SPD-Bundestagsabgeordneten Franz Thönnes, der zu Spenden für die Ostsee-Jugendstiftung aufruft: „Diese Kampagne unterstützte ich ausdrücklich und appelliere an Unternehmen, Organisationen und Privatpersonen aus unserer Region zu spenden.“
Von der Saftbar auf den Regiestuhl
Hardi Kalder (19) aus Estland hat schon einen eigenen Film gedreht
Seit Hardi Kalder mit der Schule fertig ist, arbeitet er in einer Saftbar. Noch in der estnischen Hauptstadt Tallinn, wo der 19-Jährige seit drei Jahren mit seiner Mutter und der Katze „Kiku“ in einer Wohnung lebt. Doch im September will er für ein Jahr nach Australien reisen - und dort in Brisbane in einer Saftbar arbeiten.
Wie es danach weiter gehen soll, weiß er auch schon genau. Zurück nach Estland, Studium. Hardi möchte an die Baltic Film and Media School, eine zentrale Einrichtung für alle drei baltischen Staaten, an der in englischer Sprache gelehrt wird. Seit wann das für ihn klar ist? „Seit ich 15 bin. Davor wollte ich Schauspieler werden.“ Und wenn es in einem Jahr mit der Filmschule nicht klappt, dann versucht er es eben doch an der Schauspielschule. Am liebsten würde er selbst Filme machen, bei denen er auch Regie führt und selbst vor der Kamera steht - „wie Clint Eastwood“, allerdings sollen es keine Western werden.
Geboren und aufgewachsen ist Hardi in dem kleinen Ort Polva im Osten Estlands, dicht an der russischen Grenze „Dort kennt jeder jeden. Es ist sehr komfortabel, dort zu leben“, meint Hardi. Dort hat er auch seine Schauspielerkarriere gestartet - „weil ich nichts anderes zu tun hatte“. Naja, außer Fußball - damals wie heute, sagt er und zeigt auf sein frisch bandagiertes Bein. In Polva hat er noch viele Freunde und fährt (per Anhalter) so oft dorthin, wie er kann: „Jeder versteht dich und spricht estnisch.“ Das sei in Tallinn anders, dort werde viel Russisch gesprochen, außerdem gebe es viele Touristen. Russisch spricht Hardi „nur ein paar Worte“. Auch ein wenig Portugiesisch hat er gelernt - vor zwei Jahren durch andere Teilnehmer bei einem Jugendcamp in Polen.
Einen eigenen kleinen Film hat er auch bereits gedreht - Darsteller: Hardi selbst und ein Freund. An der Schule in Tallinn hat er außerdem ein Schulradio und eine Schülerzeitung gegründet. Der ungewöhnliche Name lautet „Illipukis“. Was das auf Deutsch heißt? „Nichts, das ist der Name der Schule rückwärts.“
Filme vom alten Königsberg
Marina Knyazeva (24) aus Kaliningrad war schon für den Rundfunk tätig
„Kiel ist meine Lieblingsstadt“, meint Marina Knyazeva aus Kaliningrad. „Ich habe dort eine gute Zeit verbracht und habe noch viel Kontakt zu Freunden in Kiel“, erinnert sich die 24-Jährige an das Sommersemester 2005 an der Universität Kiel. Marina hat Germanistik an der Universität Kaliningrad studiert und kam damals auch für ein Semester an die Förde. Insgesamt war sie schon sechsmal in Schleswig-Holstein.
Während ihres Studiums war sie auch als Korrespondentin für den staatlichen Rundfunk tätig und hat nach alten Dokumentarfilmen über das Königsberg der Vorkriegs- und der Kriegszeit gesucht. Daraus wurde bereits ein Fernsehbeitrag.
Wenn sie Zeit hat, fährt Marina gern auf die Kurische Nehrung oder weiter südlich an die Ostseeküste, wo sie oft mit Freunden am Strand der Siedlung Jantarnij ist. Marina wohnt mit ihren Eltern in einer Zweizimmerwohnung in Kaliningrad. „Bei uns ist es ein bisschen schwierig, alleine zu wohnen. Für eine eigene Wohnung oder ein Zimmer bräuchte ich viel Geld. Ich habe zwar Geld, aber ich muss sparen“, erklärt Marina.
Seit sie ihr Studium erfolgreich abgeschlossen hat, hat sie schon in einem Reisebüro gearbeitet, derzeit hat sie einen Job auf dem Flughafen in Kaliningrad, wo sie unter anderem die Visa von Einreisenden kontrolliert. „Bei uns ist es ein Problem, eine gute Arbeit zu finden“, sagt Marina, die sehr gern im Bereich Medien tätig wäre. Zum Beispiel in Kiel: „Das wäre super. In Kaliningrad möchte ich nicht unbedingt bleiben.“
„Das Fernsehen mag ich nicht“
Piotr Gasinski (26) aus Danzig würde gern für einen Radiosender arbeiten
Training an der Kletterwand, Schwimmen, Radfahren, Bogenschießen, vor allem aber Fechten - Sport ist Piotr Gasinski aus dem polnischen Gdansk (Danzig) wichtig. Noch wichtiger sind dem 26-Jährigen aber Medien. Während seines Germanistik-Studiums in Gdansk hat er bei einer Studentenzeitung gearbeitet, doch am liebsten hört er Radio und würde gern für einen Hörfunksender arbeiten. „Das Fernsehen mag ich nicht. Ich glaube, das ist zu aggressiv“, sagt Piotr. Seine doch die Programme findet er „laut und blöd“.
Piotr ist in Gdansk aufgewachsen und wohnt auch jetzt im Stadtteil Oliwa in der Wohnung seiner Eltern, zusammen mit seinem 23-jährigen Bruder und seiner 18-jährigen Schwester. „Gdansk könnte allein nicht existieren“, meint Piotr. Die Stadt brauche ihre direkten Nachbarn Gdynia und Sopot: „Erst diese drei Städte zusammen sind wunderbar.“
Piotr lebt gern in der Stadt, in der seine Familie seit rund 300 Jahren lebt: „Das klingt vielleicht blöd, aber ich liebe meine Heimat.“ Er würde gern auch andere Länder, andere Menschen und Kulturen kennenlernen, aber „bis jetzt hatte ich nicht so große Möglichkeiten“. Doch wo immer er lande, er möchte immer wieder zurück nach Gdansk.
Seit er vor ein paar Monaten sein Studium abgeschlossen hat, ist er arbeitslos. Doch jetzt soll er wieder in der Schule als Deutsch-Lehrer arbeiten, was er während des Studiums zeitweise auch schon getan hat. Das will er aber nicht auf Dauer machen: „In Polen verdient man sehr wenig.“ Er würde gern sparen für ein Zweitstudium - Journalismus.
„In Riga rennen immer alle Leute“
Elva Bule (19) aus Jekabpils ist die lettische Hauptstadt zu hektisch
„Ich mag meine Stadt“, sagt Elva Bule, die in Jekabpils im Südosten Lettlands im Haus ihrer Eltern aufgewachsen ist, aber dort jetzt bald auszieht. „Wir haben Natur, einen See“, erzählt die 19-Jährige. Aber die Jugendlichen haben ein Problem in dem 26000 Einwohner zählenden Ort, der damit bereits die achtgrößte Stadt des kleinen baltischen Staates ist. „Wir haben nicht so viele Plätze, wo wir am Wochenende abends hingehen können.“ Im einzigen Club ist manchmal Live-Musik, sonst bleibt nur die Möglichkeit, Freunde zu besuchen.
Nach Deutschland ist sie jetzt zum ersten Mal gekommen. Sie spricht zwar nach vier Jahren Unterricht gut Deutsch, fühlt sich aber sicherer wenn sie Englisch spricht. Selbst bezeichnet sie ihr Deutsch als „nicht so gut“, genau wie ihr Russisch. Zum Ostsee-Jugendmediencamp ist Elva nicht nur wegen des Themas Medien gekommen, sondern auch, um dabei ihr Deutsch zu verbessern.
Im September beginnt sie mit dem Wirtschafts-Studium in Ventspils. Das liegt zwar fast am anderen Ende von Lettland, rund fünf Stunden Fahrzeit von Jekabpils, doch ihr Bruder Elgars (20) hat ihr von der kleinen Hafenstadt vorgeschwärmt, in der er seit zwei Jahren Sprachen studiert. „Ventspils hat mehr Natur, einen schönen Strand“, sagt Elva.
Riga, wo die meisten Letten studieren wollen, sei zwar eine gute Stadt, aber Elva mag die quirlige Hauptstadt mit den vielen Autos nicht so sehr und wollte etwas anderes sehen: „In Riga rennen immer alle Leute.“
Quelle: Kieler Nachrichten, 22.08.2009


